Eingabehilfen öffnen

Pflege von Angehörigen in Thüringen: „Wir purzeln da so rein“

03. April 2026

SF TA

Sigrun Fuchs ist Vorstandsvorsitzende vom Verein „Wir pflegen in Thüringen“. Sie kennt sich nicht nur durch das Ehrenamt mit der häuslichen Sorgearbeit aus, sondern auch durch die Pflege ihrer Mutter.   © Funke Medien Thüringen | Johannes von Plato

Erfurt. Wer Angehörige in den eigenen vier Wänden pflegt, bewältigt enorme Herausforderungen. Wo Betroffene Hilfe finden und woran es in Thüringen mangelt.

Von Johannes von Plato, Volontär TH - Thüringer Allgemeine - 

Wer an Pflege denkt, dem gehen wohl Bilder von Altenheimen oder Pflegekräften im Kassack, ihrer Arbeitskleidung, durch den Kopf. Dabei werden 87 Prozent der Pflegebedürftigen in Thüringen in der Häuslichkeit, in den eigenen vier Wänden, umsorgt. Menschen, die entweder plötzlich oder schleichend in die Situation geraten, ihre Angehörigen zu pflegen, sind im Alltag mit großen Herausforderungen konfrontiert.

Die Zahlen zur Pflege sind beängstigend. In den Jahren zwischen2017 und 2023 ist die Zahl der Pflegebedürftigen laut dem Thüringer Landesamt für Statistik von 115 620 auf 193 937 gestiegen. Die Zahl der Pflegekräfte ist in dieser Zeit allerdings nur minimal von 32462 auf 36 437 angestiegen. Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage geht immer weiter auseinander: Der Einzelne hat immer weniger die Möglichkeit, professionelle Hilfe in Anspruch zunehmen.

Bürokratiedschungel und zu wenige Pflegestützpunkte in Thüringen

Wer in die Situation „gepurzelt“ ist, Sorgearbeit für Angehörige zuleisten, ist zunächst mit einem Bürokratiedschungel konfrontiert. Kurzzeitpflege, Tagespflege, Verhinderungspflege, Pflegegrad. Um durch dieses Wirrwarr durchzusteigen, kann es helfen, sich umfassend beraten zu lassen.

„Menschen wollen mit jemandem reden“, weiß Sigrun Fuchs, Vorstandsvorsitzende von „Wir pflegen in Thüringen“.  Sie kennt die Herausforderungen der Pflege von Angehörigen nicht nur von den zahlreichen Menschen, die sich an den Verein wenden, sondern auch aus eigener Erfahrung. Ihre Mutter ist seit einigen Jahren pflegebedürftig.

Platz in der Kurzzeitpflege in Thüringen wie ein Sechser im Lotto

Um sich beraten zu lassen, könne man sich an die Pflegestützpunkte wenden. „Wir haben viel zu wenig Pflegestützpunkte. Eigentlich sollte es sie überall geben. Da ist die Landesregierung aber dran, sagen wir es mal so.“ Fuchs rät deshalb ebenfalls, das Schwarmwissen zu nutzen und mit anderen Betroffenen zu reden.

Doch sie weiß auch: „Es ist schön, wenn mir jemand erzählt, was in der Theorie alles geht. Es wäre auch ganz schön, wenn das dann auch in der Praxis ginge.“ Zwar haben Pflegebedürftige auf manche Leistungen einen Anspruch auf Abrechnung der Leistung, aber nicht auf die Leistung selbst. „Wenn sie keine Tagespflege finden, da, wo sie wohnen, oder keinen Kurzzeitpflegeplatz, was wie ein Sechser im Lotto ist, oder der Pflegedienst sagt, er hat keine Kapazitäten, dann müssen sie es selbst machen.“

Vereinbarkeit von Pflege und Beruf in Thüringen nur schwer möglich

Während ihrer Arbeit im Verein hat Fuchs viele Menschen kennengelernt, die durch die Sorgearbeit an ihre Belastungsgrenzen kommen. „Wenn wir überlegen: Wer sind denn pflegende Angehörige? Dann ist das die Lehrerin, der Baggerfahrer, die Verkäuferin, der Polizist. Wir purzeln da so rein“, sagt sie. Die meisten Betroffenen müssen die Sorgearbeit für ihre Angehörigen neben dem Beruf leisten. „Von irgendwas muss man ja leben“, sagt Fuchs.

Bisher gibt es keinen Lohnersatz, wenn Menschen im Beruf pausieren oder aus dem Beruf aussteigen müssen. Zwar könne das Pflegegeld auch an Angehörige gezahlt werden, doch sei es eigentlich für den Pflegebedürftigen bestimmt. „Und sobald man sich professionelle Hilfe mit ins Boot holt, ist davon nichts mehr übrig.“  Viele Menschen würden deshalb so viel wie möglich weiterarbeiten. „Ganz viele Menschen gehen an und über ihre Grenzen und bemerken das noch nicht mal. Die haben so einen Tunnelblick“, erklärt Fuchs.

In der Sorgearbeit in Thüringen nicht die Sorge um sich selbst vergessen

SF.jpeg

Sigrun Fuchs, Vorstandsvorsitzende vom Verein "Wir pflegen in Thüringen", weiß, wie wichtig es ist, sich nicht selbst aus den Augen zu verlieren, wenn man Angehörige pflegt. © Funke Medien Thüringen | Johannes von Plato

„Uns war ja vorher auch nicht langweilig“, erinnert sich Fuchs, an die Zeit, bevor sie ihre Mutter gepflegt hat. Meist käme die Pflege zu einem vollen Tagesablauf hinzu: zu dem Job, manchmal noch zu eigenen Kindern. „Und was machen sie? Sie fangen an, die schönen Dinge herauszukürzen: den Sport, die Freizeit.“ Dabei rät Fuchs, die selbst berufstätig ist, in Hinblick auf die durchschnittliche Pflegedauer von sieben Jahren, die Sorge um sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. „Ich mache seit 20 Jahren Tai Chi. Das ist für mich wertvoll. Sonst hätte ich manche Krise im Leben nicht überstanden.“

  • wir pflegen - Interessenvertretung u. Selbsthilfe pflegender Angehöriger in Thüringen e.V.